Nach längerer Zeit wage ich mich mal wieder an einen neuen Blogartikel heran. Meine schreiberische Kreativität fühlt sich etwas eingerostet an, nachdem ich mich dieser jetzt schon seit einigen Wochen nicht mehr täglich zugewendet hatte. Es wird Zeit, sie nun einzuölen und neu fließen zu lassen! Ich darf mich momentan mit unglaublich vielen inneren Themen beschäftigen, die alle gleichzeitig angeschaut und bearbeitet werden wollen.

Und ich hatte mich gefragt, wie es sein konnte, dass so viele Themen sich ausgerechnet jetzt zeigen. Jetzt, wo ich doch tatsächlich im Jahr 2020 dachte, endlich dort angekommen zu sein, wo ich immer ankommen wollte: In meiner Kraft, Sicherheit und auch – äußeren Stabilität (nach mehr als 15 Umzügen innerhalb von einem Jahrzehnt ist der Wunsch nach Stabilität glaube ich selbsterklärend^^).

Und mir ist eine Antwort auf diese Frage gekommen: Unser innerer Schmerz, unsere tiefsten Themen und Wunden. Ja unsere tiefsten und dunkelsten Ecken. Sie alle können sich uns erst dann wirklich zeigen, wenn der Boden dafür gemacht ist. Unser tiefster Schmerz ist wie eine Blüte. Sie öffnet sich nur, wenn es draußen warm und hell ist. Sie öffnet sich nur in der Geborgenheit der Sonne. Dann können wir sie klar erkennen und betrachten, sie begutachten und bewusst erforschen. Doch bei Nacht verschließt sie sich wieder und sie bleibt im Dunkeln, wo wir sie nicht erkennen können. Sie ist zwar immer da, doch sie bleibt im Verborgenen, wo sie weiterhin auf einer unbewussten Ebene wirkt.

Meine bisher größte „Schmerz-Blüte“ durfte ich jetzt in den letzten Wochen des Frühjahres kennenlernen. Sie zeigte sich mir nach einer langen „Sonnen-Phase“, in der ich mich kraftvoll und voll in meiner Freude fühlte. Dort ging sie langsam auf, im Licht der Sonne und warf allmählich ihre Schatten über die Ernte, an der ich all die Monate zuvor arbeiten durfte: Über mein Erfolgsbewusstsein, mein Selbstwertgefühl, meinen innerer Halt. So lange arbeitete ich an diesen inneren „Tugenden“  und dachte, sie wären unzerstörbar, wenn sie erstmal da sind. Denn sind wir inmitten unserer Kraft, fühlen wir uns auch unzerstörbar, wie ein tief verwurzelter Baum, für den äußere Unstimmigkeiten wie ein kleiner Windhauch sind. Und doch kam sie plötzlich, nein, eigentlich allmählich, aus dem nichts: Meine „Schmerz-Blüte“, die meine vollständige Aufmerksamkeit buchstäblich in sich wie das Wasser zum Überleben einsaugte.

Ich sah plötzlich nichts als Schmerz. Der ganze Prozess begann mit meinem Kreativitäts-Tod.

Sie war plötzlich einfach nicht mehr da: Meine Freude am Erschaffen. Dann merkte ich allmählich, wie abhängig ich von ihr war. Ich ging nirgendwo hin ohne meine Freude. Und ich erschuf auch nichts ohne meine Freude. Ohne meine Freude war ich ein Nichts. Ich traf mich ungern mit anderen Menschen ohne meine Freude. Ohne meine Freude und Kreativität fühlte ich mich weniger kraftvoll, weniger wertvoll, weniger von Nutzen für andere. Wer war ich ohne meine Freude? All meine Kraft und Kreativität zog ich schließlich aus ihr.

Zunächst versuchte ich an meiner Freude festzuhalten.

Dann jedoch merkte ich, dass es nichts brachte, denn je mehr ich an meiner Freude zog, desto mehr schien sie zu zerreißen.

Mir blieb nichts anderes übrig, als mich fallen zu lassen. Fallen zu lassen in unbekannte Terrains und Gewässer der Gefühle. Wie sollte ich weiterhin Voninnenheraus aufbauen, wenn mir meine Freude am Erschaffen plötzlich ausblieb?  Wie sollte ich meine Kontinuität aufrechterhalten, die doch so wichtig ist, um die Reichweite und all dieses social tralala aufrechtzuerhalten? Druck und Angst machten sich in mir breit. Ich merkte, wie abhängig ich von meiner Freude und Stimmung war. Wie abhängig ich mein Erschaffen von meiner Stimmung machte.

Ich war der Überzeugung, dass ich nur dann Großartiges leisten könne, wenn ich mich gut, sicher und kraftvoll fühle. Nur war das ein unmöglich zu erreichender Anspruch an mich selbst: da das Leben nun einmal von Gipfeln UND Tälern besteht und wenn ich mich gerade im Tal befinde, will schließlich das Brot weiterhin verdient werden und nicht davon abhängig gemacht werden, wie ich mich fühle.

Dann brach eins nach dem anderen ein.

Meine Zweifel und Unsicherheiten, die daraus entstanden, dass meine Freude am Erschaffen auf einmal weg war, brachen nun wie die Dunkelheit über mich herein und übertrugen sich auf all meine Lebensbereiche. Ich bekam das Gefühl, als würde der Boden unter mir aufgehen, wo ein brennendes Lava auf mich wartete. Eine alte, uralte Angst kam hoch. Die Angst vor Verlust. Angst vor Versagen. Angst vor Trennung, vor Machtlosigkeit und lebenslanger Abhängigkeit.

Die Angst, es alleine niemals zu schaffen. Ich glaube, dass viele Künstler, Kreative und sensible Seelen, die sich mit ihrer Herzensaufgabe beschäftigen oder darüber nachdenken, allein von dieser zu leben, diese Angst nur zu gut kennen. Und leider lassen sie sich oft von ihr auch komplett davon abhalten, ihren Herzensweg weiterzugehen und verenden in irgendwelchen Jobs, die nicht im Geringsten ihrem Wesen entsprechen und wo sie auch nicht ihre Talente und Gaben ausleben können.

Ich habe gelernt, dass nun einmal das, was wir uns SO SEHR aus tiefsten Herzen wünschen, auch unmittelbar (nicht untrennbar!) mit unserer allergrößten Angst verbunden ist. Doch wir können lernen, unsere Ängste gegen uns oder für uns zu nutzen – als Antrieb, der uns dabei hilft, ebendiesen Wunsch wahr werden zu lassen.

Und darin besteht nun meine jetzige Lektion. Meine Angst als meinen größten Antrieb zu nutzen und meine Flügel in Richtung kreativer Freiheit auszubreiten. Indem wir unseren Schmerz als Antrieb nutzen, lernen wir diesem auch zu vertrauen. Wir lernen, dass Wachstum ohne Schmerz überhaupt nicht möglich ist und dass es gerade unser Schmerz war, durch den wir all die wundervollen Erkenntnisse und Einsichten über uns selbst gewannen, die uns auf unserem Weg noch ein Stück mehr nach vorne brachten.

Es ist gerade mein Schmerz, der in der Zukunft und Vergangenheit liegt, von dem ich lernen darf, im Hier und Jetzt zu sein und mich noch mehr in der Gegenwart zu verankern. Es ist mein größter Schmerz, der mich dazu bewegt, noch tiefer zu schauen und mich zu fragen, wo in meinem Leben ich mehr Liebe und Leichtigkeit und Freude zulassen darf.

Es ist der Schmerz, durch den wir lernen, uns selbst noch mehr zu vertrauen.

Die schmerzvollen Zeiten, in denen wir anderen unseren Schmerz anvertrauen und dann vielleicht auch auf Menschen stoßen, die es nicht gut mit uns meinen. Ja, gerade diese Menschen bringen uns bei, uns selbst noch mehr zu vertrauen – unser eigener Fels in der Brandung zu sein. Es ist unser Schmerz – die stressige Kundin, die unzufrieden mit unserer Arbeit ist – ja, genau sie ist es, die uns zeigt, dass wir die Dinge und Kritiken anderer nicht persönlich nehmen brauchen. Es ist die Angst vor Abhängigkeit, die uns dazu drängt, unabhängig zu werden.

Ich darf gerade lernen, meinen Schmerz ein Stück mehr anzunehmen und den schmerzvollen Teil meiner Selbst zu integrieren und als ebenso wertvoll, kraftvoll und gut genug anzusehen wie auch die Freude. Denn so, wie wir sind, wie wir uns fühlen, ist vollkommen gut genug, wertvoll und kraftvoll.

Schmerz heißt nicht Schwäche!

Wenn wir ihn lernen zu integrieren und nun einmal als wichtigen Teil unseres Wachstumsprozesses anerkennen – als den Regen, der für das Wachstum unserer Blüten notwendig ist – dann werden wir sehen, dass Schmerz, Angst und Trauer; all diese Gefühle; eine weitere, essenzielle QUELLE, statt der Abgrund unserer Kraft und Kreativität sind.

…und es war (wieder einmal) der Schmerz, durch den ich gehen durfte und zurzeit teilweise immer noch gehen darf, der mich dazu brachte, diesen Artikel zu schreiben

 

Was ich sagen will ist: Schmerz gehört dazu. Wir werden ihn wohl niemals überwinden. Doch wir können lernen, ihn als Antrieb zu nutzen und als eine weitere Kraftquelle in uns selbst zu integrieren. Wir können lernen, unseren Schmerz als Freund zu betrachten, indem wir uns bewusst Zeit nehmen, ihn zu fühlen und ihm zuzuhören. Wenn wir das tun, lässt er uns von seinem Blütennektar trinken und was sich noch nach Schmerz anfühlte, verwandelt sich in neue Inspiration, tiefere Einsicht und einen neu-gewonnenen Weltblick – der uns in unserer Arbeit auf unserem Herzensweg tief dienlich ist.

Wir erkennen, dass es ohne den Schmerz gar nicht möglich war, zu dieser Einsicht zu kommen, die uns jetzt so sehr dient. Und dann kommen wir allmählich an einen Punkt, an dem wir sagen: Es ist ok, wenn es wehtut. Ich habe keine Angst mehr. Es hat schon so oft wehgetan und ich habe es überlebt. Zeig dich Leiden. Zeig mir, was ich noch loslassen darf, damit ich noch mehr in meine Leichtigkeit kommen kann. Zeig mir, was mich noch zurückhält – welche Angst, welcher Schmerz – damit ich weniger Ballast beim Fliegen habe. Zeige dich mir also jetzt. Offenbare dich mir. Ich weiß, dass ich es überlebe und ich weiß, dass ich daraus nur noch mehr wachsen kann.

Wenn wir lernen Freundschaft zu schließen mit unserem Schmerz – ob dem aus der Zukunft oder dem aus der Vergangenheit. Denn meistens stammt er von dort und nicht von der Gegenwart – lernen wir uns noch mehr dem Leben hinzugeben und uns als untrennbaren Teil der Natur und unseres Schöpfers zu verstehen. Und gleichzeitig haben durch diesen Prozess unseren Schmerz transformiert. In die so langersehnte Freiheit und Leichtigkeit.

Denn was ist schon Freiheit? Ich glaube, verstanden zu haben, dass Freiheit darin besteht, keine Angst vor der Angst zu haben. Keine Angst vor Schmerz und damit auch vor einem Leben aus vollem Herzen. Und was ist schon Leichtigkeit? Sie geht mit dieser Freiheit einher. Mit der Freiheit, die wir uns selbst geben. Der Freiheit zu leben und uns fallen zu lassen, ohne Angst in tiefem Schmerz und Dunkelheit zu landen. Sie entsteht durch unser tiefes Vertrauen, dass wir getragen werden in jedem Moment und niemals allein sind. Und durch unser tiefes Vertrauen, dass selbst wir in Schmerz und Dunkelheit landen, dass auch sie als eine Maßnahme unseres Getragen- und Gehört-Werdens entstehen.

Alles Liebe von innen heraus,

Marta

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