Wahrheit statt Harmonie

Das heilige „Nein“: Warum wir nicht nach Harmonie, sondern nach Wahrheit streben sollten

Gefühlt ein halbes Leben lang war mir Harmonie in Beziehungen (ob privat oder beruflich) besonders wichtig. Und ich hätte nicht gedacht, dass ich das eines Tages sagen werde: Strebe nicht nach Harmonie, sondern nach Wahrheit. Denn ohne Wahrheit ist auch die Harmonie nicht echt. Ich hatte letztens, nachdem ich diese für mich bahnbrechende:-) Erkenntnis hatte –  einen Post darüber veröffentlicht – und offenbar schien dieser auf besonders hohe Resonanz zu stoßen. Deshalb habe ich mich nun dazu entschieden, ausführlicher über dieses Thema zu schreiben. Auf eine Frage möchte ich dabei vorweg eingehen:

Können wir nach Harmonie und gleichzeitig nach Wahrheit streben?

Ja – das können wir. Doch ich finde, es kommt darauf an, wie bewusst wir uns darüber sind, dass wahre Harmonie nicht ohne Wahrheit entstehen kann. Es kommt also auf die Reihenfolge an. Gerade konfliktscheue Menschen, die Harmonie oft über alles stellen (wie ich das früher auch oft tat) überspringen sozusagen den „Schritt der Wahrheit“ in der Hoffnung die vermeintliche Harmonie zu wahren. Wir erleben das im Berufs- oder auch im Privatleben.

Zum Beispiel: Da ist diese eine Person in Deinem Umfeld, die sich etwas zu oft das Recht heraus nimmt, Dich in irgendeiner Form zu bewerten. Sie mag das vielleicht nicht bewusst oder mit böser Absicht tun. Vielleicht tut sie es sogar, weil sie es „ja nur gut meint“. Aber Du als sensibler Mensch fühlst diesen Vorurteil, der dadurch zwischen euch steht, während die andere Person offenbar gar nichts von den gerade entstehenden „bad Vibes“ mitbekommt. Du fühlst Dich verletzt, ungerecht behandelt und nicht ernst genommen. Du fragst Dich, woher sich diese Person nur das Recht herausnimmt, ein Urteil über Dich zu fällen – Du erlaubst Dir sowas schließlich auch nicht;-).

Um diese Person jedoch nicht zu überrumpeln (da sie offenbar gar nicht mitbekommt, dass sie Dich gekränkt hat) – und um nicht als „Sensibelchen“, „Drama-Queen/-King“ oder als jemand dazustehen, der/die ja doch nur „immer übertreibt“, schluckst Du Deine Gefühle herunter und gibst der Person möglicherweise sogar Recht, anstatt ihr Deine Wahrheit zu sagen und für Deine Gefühle einzustehen. So bist Du Deinem befürchteten Konflikt, als „Sensibelchen“ dazustehen und Dich schlimmstenfalls auch noch für Deine Gefühle zu rechtfertigen, aus dem Weg gegangen. Die Person bekam nichts davon mit, dass sie Dich verletzt hat; ihr seid in ein anderes Gesprächsthema übergegangen und eure Unterhaltung verläuft (vermeintlich) ganz harmonisch weiter. Doch spätestens zuhause angekommen wird Dir immer mehr bewusst, dass Du wieder einmal nicht für Deine Wahrheit eingestanden bist. Du verurteilst nicht nur jene Person, die Dich verletzt hat, sondern wirfst Dir jetzt auch noch selbst vor, nicht für Dich eingestanden zu haben.

Fazit: Du hast es zwar geschafft, indem Du Dich selbst aufgeopfert hast, die äußere Harmonie zu wahren und die andere Person nichts von Deinem inneren Konflikt, der ja durch Deine unausgesprochene Verletztheit entstanden ist, wissen zu lassen – doch zu welchem Preis? Genau, richtig: Der Preis dabei ist unsere eigene innere Harmonie. War das unser Ziel?

 

Solange wir die (vermeintliche) Harmonie an erste Stelle setzen, tun wir alles, nur, um einem Konflikt aus dem Weg zu gehen, der die (vermeintliche) Harmonie ja zerstört hätte. Dabei ist unser Streben nach jener – um es nochmal zu betonen – vermeintlichen Harmonie – in Wahrheit von der Angst geleitet, nicht richtig oder nicht gut genug zu sein. Beispielsweise der Angst

  • im Nachhinein mit Schuldgefühlen zu kämpfen, „dass wir etwas Falsches gesagt oder andere durch unsere Wahrheit verletzt haben“;
  • mit Gegen-Argumenten „besiegt“ zu werden, die unsere Befürchtung, TATSÄCHLICH „zu verrückt“, „zu sensibel“, „zu …“ zu sein, bestätigen (“ und was gibt es Schlimmeres, als eine Bestätigung dafür zu bekommen, dass man sich selbst nicht trauen kann?“)
  • uns durch fehlende Argumente lächerlich zu machen und als „Verlierer“ aus dem Konflikt zu gehen. (was unser schwankendes Selbstvertrauen ja nur noch mehr ins Schwanken bringen würde)

Vielleicht erkennst Du Dich in dem ein oder anderen Punkt wieder? Vielleicht sind es bei Dir aber auch ganz andere Gründe. In diesem Fall lade ich Dich dazu ein, Dir einmal aufzuschreiben, welche das sind und Dir bewusst zu machen, dass das alles „nur“ Ängste sind, auf die wir im Laufe unseres Lebens konditioniert wurden – die sich jedoch nicht bewahrheiten müssen. Als Gegenpart kannst Du Dir, wenn Du möchtest, auf ein neues Blatt Papier die positiven Umkehrseiten der von Dir aufgeschriebenen Ängste aufschreiben, wie z.B.:

„Wenn ich „Nein“ sage, dann wird mir nicht Liebe entzogen – ganz im Gegenteil – ich stärke dadurch meine Selbstachtung und werde mich mit jedem Mal besser fühlen, weil ich für meine Wahrheit eingestanden bin.“ 

Erlaube Dir, Nein zu sagen.

Noch ein wirkungsvoller Tipp: Statt darüber nachzudenken, welche „negativen Konsequenzen“ Dein „Nein“ in Deiner Vorstellung haben könnte (wie z.B. die, die ich oben aufgezählt habe), zähle Dir 3 – 4 Punkte auf, was alles gut laufen könnte, wenn Du (jetzt in unserem Fall) „Nein“ sagst. So pflanzt Du neue und positive „Gedanken-Samen“ in Deinen Geist, die Dich ermutigen, statt Dich zu „lähmen“. Stelle Dir vor, wie gut Du Dich fühlen wirst, wenn Du beim nächsten Mal (vielleicht hast Du auch eine ganz konkrete Situation vor Augen) Deine Wahrheit sagst.

Und glaub mir – es ist unspektakulärer als Du denkst:-). Oft meinen wir ja, wenn wir einer Person „endlich“ unsere Meinung sagen oder „endlich“ die Kündigung einreichen (oder mit welcher Situation wir auch immer diesbezüglich innerlich zu kämpfen haben), dass wir dann auf einen riesigen Gegenwind stoßen werden. Doch oft ist es ganz anders. Meist fällt es den anderen nicht einmal auf, dass wir uns „wochenlang“ dafür vorbereitet und riesige innere Gipfel erklommen haben^^, bis wir an jenen Punkt gelangt sind, etwas auszusprechen, was uns wie eine riesige Last am Herzen lag. Manchmal kommen wir dann sogar an einen Punkt, an dem wir einsehen, dass all die Ängste – so fürchterlich und riesig sie uns auch erschienen sind – nicht eingetreten sind und wir uns selbst fragen: Wieso habe ich das nicht schon viel eher getan? Wieso habe ich nicht schon viel eher meine Flügel ausgebreitet?

Wenn unsere Überzeugungen im Widerspruch stehen

Es gibt noch einen anderen Grund, der dafür sorgt, dass wir immer wieder dieses oben beschriebene innere Dilemma durchleben. Von klein auf werden uns so viele Werte und gesellschaftliche/ethische/religiöse Konventionen vermittelt, für die wir wohl aufgrund ihrer unüberschaubaren Anzahl vielleicht auch noch gar keine Zeit hatten, sie zu hinterfragen. Denn nicht selten geschieht es, dass wir dadurch Überzeugungen annehmen und tief in uns verankern, die eigentlich im Widerspruch zueinander stehen.

Ich war mir zum Beispiel für eine sehr lange Zeit nicht darüber bewusst, dass die Ursache meiner oft empfundenen inneren Disharmonie daran lag, dass ich zwei völlig widersprüchliche Glaubenssätze in mir trug (Danke Brené Brown!). Der eine war: „Lebe Deine Wahrheit und sei ehrlich zu Dir und zu anderen.“ – während der andere lautete: „Verletze oder kränke nicht andere.“  

Dass ich damit meinem Streben nach Wahrheit und Authentizität selbst eine ganz klare Grenze zog, war mir bis dato gar nicht bewusst. Zwar strebte ich einerseits stets danach, die Grenzen zu durchbrechen, die mich immer noch davon abhielten, mich in meiner vollen Authentizität zu leben – doch andererseits war dies eine Grenze, auf die ich immer wieder stoß und die ich jedoch nie hinterfragte, da sie sozusagen unter dem „Schutz“ der inneren unbewussten Überzeugung stand, andere ja nicht verletzen oder kränken zu dürfen.

Erlaube Dir, andere zu „verletzen“ oder zu „kränken“.

(Damit meine ich natürlich NICHT körperlich oder beleidigend zu werden!!!)

Ich meine damit: Erlaube Dir, Deine Wahrheit auszusprechen, selbst, wenn sie andere verletzen könnte. Denn Du kannst sowieso nicht kontrollieren, ob Du andere verletzt oder nicht. Du kannst der liebste Mensch auf der Welt sein und wirst andere trotzdem durch Deine Worte manchmal verletzen, ohne es zu wissen.

Noch ein kleines Beispiel: Deine beste Freundin sagt zu Dir, dass ihr das neue Kleid, das Du Dir gekauft hast, nicht gefällt. Wenn Du aber keinen Frieden mit Deinem Aussehen oder Deinem Körper geschlossen hast (was Deine beste Freundin, die nur die besten Absichten hatte, noch nicht weiß) wirst Du diesen Kommentar auf Dein Aussehen beziehen und verletzt sein. Aus Deiner Verletztheit heraus wirst Du ihr möglicherweise unterstellen, dass sie „es Dir nicht gönnt“ oder sie Dich mit Absicht verletzen wollte. Du zweifelst an Ihrer aufrichtigen Freundschaft – obwohl sie ja aufrichtig zu Dir war.

Solange wir uns nicht erlauben, andere durch das Aussprechen unserer Wahrheit zu verletzen oder zu kränken – und andersrum auch anderen nicht erlauben, uns durch ihre Wahrheit zu verletzen oder zu kränken – erlauben wir uns auch nicht, wirklich aufrichtige und tiefe Beziehungen mit anderen Menschen einzugehen.

Tiefe beginnt dort, wo Ängste durchbrochen werden.

Erst, wenn wir unsere Wahrheit angstfrei aussprechen und damit auch unsere Grenzen setzen und wahren, können wir auch wirklich liebevolle und bedingungslose Verbindungen eingehen – und uns andersrum von jenen toxischen Verbindungen lösen, in der unsere Wahrheit verurteilt, nicht verstanden und nicht akzeptiert wurde.

 

strebe nicht nach Harmonie, sondern nach Wahrheit

 

Habe keine Angst vor Verlust: Menschen werden gehen und es ist gut so!

Auch ich bin durch diesen Prozess gegangen und einige Menschen sind tatsächlich aus meinem Lebensraum „herausgetreten“, nachdem ich begann, immer mehr und mehr meine Wahrheit zu leben. Es hat einfach nicht mehr gepasst. Oft bekam ich dann zu hören: „Du hast Dich so geändert!“ oder in einem fast nostalgischen Ton: „Wo ist denn nur die alte Marta hin?!“.

Ich hatte dann manchmal das Gefühl, als wenn diese Menschen dachten, dass ich mich „verbogen“ hätte. Dabei war genau das Gegenteil der Fall – ich ließ einfach nur meine Maske fallen und zeigte mich mehr von meiner wahren Seite. Schließlich machte es nicht mein wahres Ich aus, beispielsweise andauernd Party zu machen und Alkohol zu trinken, wie ich es tat. Vielmehr nahm ich diese Rolle ein, weil ich eine tiefe unterschwellige Unzufriedenheit in mir trug, die aus dem langfristigen Gefühl heraus stammte, irgendwie „unfrei“ zu sein. Aber ich war damals auch nicht bereit, mich dieser „Unfreiheit“ zu stellen. Also ertrank ich jenes Gefühl am Wochenende durch den Alkoholkonsum und nächtelanges Durchfeiern. (Nichts desto trotz feiere ich auch heute noch gerne – aber eben bewusster und in gesunden Maßen, da ich mittlerweile auch viel deutlicher die Grenzen meines Körpers wahrnehme und ihn liebevoll behandeln möchte)

Aber jetzt bin ich vom Thema abgekommen…wie dem auch sei: Habe keine Angst, dass Menschen Dich verurteilen und nichts mehr mit Dir zu tun haben wollen – wenn Du begonnen hast, Deine Wahrheit zu leben! Denn mal Hand aufs Herz: Du willst doch auch gar nicht solche Menschen in Deinem Leben haben (?). Du (wir alle) wünschen uns doch Menschen in unserem Umfeld, die uns akzeptieren, wertschätzen und respektieren. Also ist es gut, wenn Du die Menschen „verlierst“ (eigentlich ist es ein Gewinn für Dich^^), die Dir nicht gut taten und Dich in Deinem wahren Sein nicht akzeptierten.

Und ich verspreche Dir: Je mehr Du Dich selbst lebst und Deine Wahrheit lebst und aussprichst, wird – MUSS, da Resonanz-Gesetz – sich auch Dein Umfeld mit immer mehr Menschen füllen, die Dir Deine neue und liebevollere Einstellung zu Dir selbst mit einem liebevollen Verhalten Dir gegenüber widerspiegeln werden.

Und dann werden wir auch die wahre Harmonie in Beziehungen erfahren, nach der wir uns so lange sehnten.

 

Bist Du bereit, den Preis dafür zu zahlen, indem Du aufhörst, gegen Deine eigene Wahrheit und Deine Gefühle anzukämpfen?

Gebe Dir selbst ein „JA“, indem Du anderen „NEIN“ sagst. Lebe Dich selbst – von innen heraus! 

 

In Liebe,

Marta

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